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  Nach Sibirien mit Leibniz im Gepäck
Altdorfer Leibniz-Preis 2005 ermöglicht Forschungsreise nach Russland

ALTDORF - Im Juni 2005 erhielten die Wissenschaftlerinnen Henrike Schmidt und Katy Teubener den Altdorfer Leibniz-Preis für ihr Internet-Projekt Russian-Cyberspace.org, das sich Fragen der kulturellen Identität im russischen Internet widmet. Das Preisgeld nutzte das Team für eine Forschungsreise nach Sibirien, die in einem Netztagebuch mit Fotos, Interviews und Kommentaren dokumentiert ist. Leibniz’ Auseinandersetzung mit Russland erwies sich dabei als erstaunlich aktuell.

Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war ein großer Bewunderer Zar Peters des Großen, und ist selbst doch nie in Russland gewesen“, so Katy Teubener. Der Gelehrte entwickelte ausgefeilte Reformpläne für das russische Großreich. Russland sah er als "tabula rasa" - als "unbeschriebenes Blatt", und glaubte hier die besten Voraussetzungen zur Umsetzung neuer technologischer und wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie zur Schaffung neuer gesellschaftlicher und politischer Strukturen zu finden. Dreimal traf Leibniz den Zaren, auf den er große Hoffnungen als Reformator setzte, bei dessen Reisen in Westeuropa. Ungeachtet der ihm später auch offiziell zugesprochenen Beraterfunktion als Russischer Geheimer Justizrat fanden Leibniz' Vorschläge, beispielsweise zur Erforschung Sibiriens, zu seinen Lebzeiten jedoch keine Umsetzung.

Den Grund für die Faszination des Gelehrten durch den Zaren beschreibt Manfred von Boetticher in einem Artikel zu "Leibniz und Russland" folgendermaßen: "Es war stets Leibniz' Ziel, seinen theoretischen Erkenntnissen praktische Anwendung zu verschaffen. Zeitlebens war er auf der Suche nach einem 'großen Potentaten', der aufgeschlossen war gegenüber modernen Ideen und mit dessen Hilfe er seine Vorstellungen einer besseren Welt verwirklichen konnte. Im Zeitalter der Absolutismus schien dies die aussichtsreichste Perspektive für einen Gelehrten, dem der Fortschritt von Wissenschaften und Technik sowie die Verbesserung des Ausbildungswesens und der ökonomischen Verhältnisse vordringliche Ziele waren."

Heute stellt gerade das Internet eine Technologie und, so die These von Russian-Cyberspace.org, eine Kultur- und Kommunikationsform dar, die zwecks gesellschaftlichen Fortschritts nicht auf die "großen Potentaten" abzielt, sondern auf die 'kleinen Leute'. Welche Chancen eröffnet das Internet dem Einzelnen sowie den gesellschaftlichen Gruppen gerade in den russischen Regionen, die im Übrigen nur auf den ersten Blick als "elektronische tabula rasa" erscheinen. Das war das Erkenntnisziel der Reise des Teams von Russian-Cyberspace.org nach Sibirien, mit Leibniz' Aufforderung zur Verbindung von Theorie und Praxis im Gepäck.

Das Internet-Tagebuch der beiden Preisträgerinnen ist im Internet unter http://www.ruhr-uni-bochum.de/russ-cyb/library/texts/de/diary_siberia_short/html/index.htm zu finden. Unter http://www.lomonossow.de/ findet man die Schrift von Manfred von Boetticher: Begegnungen zwischen Leibniz und Russland. In: Lomonossow: Sonderheft "Reformen für Russland - Leibniz und Peter I. und der Transformationsprozess der Gegenwart". Ausgabe 3 / 1998.


Die Gewinner des diesjährigen Leibniz-Preises sind:
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Katy Teubener
und
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Henrike Schmidt

Titel der Arbeit: Russian-cyberspace.org

Der Leibniz-Förderverein Altdorf-Nürnberg ruft
junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
bis zu 35 Jahren aller Fakultäten auf, an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen.

Der Leibniz-Förderverein Altdorf-Nürnberg für Mathematik und Philosophie und ihre Beziehungen zu Kultur und Bildung der Gegenwart e.V.
fördert ideell und materiell die Bildung auf den Gebieten, auf denen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) geforscht hat. Im Vordergrund stehen die Wechselbeziehungen zwischen Mathematik und Informatik einerseits und den Geisteswissenschaften andererseits und dies im Zusammenhang mit der aktuellen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung.

leibniz-preis

Der Leibniz-Förderverein Altdorf-Nürnberg ruft junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis zu 35 Jahren aller Fakultäten auf, an einem wissenschaftlichen Wettbewerb zum Rahmenthema
  • Ars inventoria und kreative wissenschaftliche Arbeit:
    Kreativität und Neue Medien in Theorie und Praxis
teilzunehmen.

Die rapide Entwicklung der Informationstechnik, der Neuen Medien und neuer Verbreitungsformen von Informationen und Wissen (Internet) haben in den letzten Jahren einen einschneidenden Wandel in der wissenschaftlichen Arbeit und vor allem auch in den Publikationsformen wissenschaftlicher Ergebnisse eingeleitet.

Dieser Wandel betrifft naturgemäß zunächst einmal die wissenschaftlichen Arbeitstechniken selbst, angefangen bei der Verfügbarkeit von Ressourcen, z. B. durch umfassende Digitalisierungs-Programme und im Internet zugreifbare Datenbanken und Enzyklopädien, andererseits aber auch durch neue Bearbeitungs-, Auswertungs- und Präsentations-Verfahren für Forschungsergebnisse.

Eine zielgerichtete Nutzung dieser neuen Techniken bedarf selbst der Ausbildung eigener Kompetenzen sowie der Hilfestellung bei der Schaffung eines Überblicks über das kaum noch überschaubare, jedem zugängliche Informationsangebot.

Zugleich ergibt sich die Frage der Qualitätssicherung und Beurteilung der Angebot: was ist verlässlich, was nicht, wer garantiert Qualität, etc.?

Noch wenig erforscht ist, inwieweit die wissenschaftliche Arbeit durch Einsatz Neuer Medien jenseits aller Beschleunigung auch inhaltlich beeinflusst wird, ob und in welchem Maße also der kreative Aspekt wissenschaftlicher Arbeit, die Schaffung des Neuen im Kontext des Versuches der Welterschließung und -erklärung von den Neuen Medien profitiert.

Der Bogen, in dem sich die Preisarbeiten diesem Themenkomplex nähern können, ist weit gesteckt. Neben der theoretischen, philosophischen und historischen Reflexion über die Einflüsse der Neuen Medien auf kreative wissenschaftliche Arbeit, sind auch praktische Proben des Einsatzes Neuer Medien in der Wissenschaft gefragt.

Ausführung:

Eingereicht werden können - auch gemeinsam von mehreren Autoren - neben für den Wettbewerb eigens verfassten wissenschaftlichen Arbeiten, auch Qualifikationsarbeiten, Softwareprodukte, Web-Projekte, interaktive Lernumgebungen, Simulationen oder ähnliches. Allen Arbeiten ist ein Essay im Umfang von 5-10 Seiten beizugeben, in dem ein Bezug zur Themenstellung hergestellt wird.
  • Der Leibniz-Förderverein setzt für den
    Altdorfer Leibniz-Preis 2005
    ein Preisgeld in Höhe von € 3.500 aus.
Die Jury kann das Preisgeld auf bis zu drei preiswürdige Arbeiten aufteilen (§ 661 Abs. 3 Satz 1 i.V. m. § 659 Abs. 2 Satz 1 BGB findet Anwendung).
Die Preisverleihung unterbleibt, wenn nach Überzeugung der Jury keine der eingereichten Arbeiten den gebotenen wissenschaftlichen Anforderungen genügt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Textarbeiten sind in einem ausgedruckten Exemplar und einer kopierbaren elektronischen Fassung, andere Arbeiten in lauffähiger elektronischer Form auf kopierbaren Medien mit Dokumentation vorzulegen. Neben dem Essay mit Themenbezug ist auch eine Erklärung zur eigenen Autorenschaft beizufügen. Die Arbeiten müssen im verschlossenen und mit Namen versehenen Umschlag eingereicht werden.
Einsendeschluss ist der 24. Januar 2005 (Poststempel).


Anschrift: Stadt Altdorf 0berer Markt 2, D - 90518 Altdorf

Erwartet wird, dass die Preisträger eine Zusammenfassung ihrer Beiträge (ca. 20 min.) im Rahmen des geplanten 4. Internationalen Leibniz-Forums Altdorf-Nürnberg am 02. Juli 2005 vortragen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


Mitglieder der Jury sind:

  • Prof. Dr.-Ing. Klaus Wucherer (Vorsitzender)
    Mitglied des Zentralvorstands der Siemens AG

  • Prof. em. Dr. rer. nat. Walter Leonhard Fischer
    Didaktik der Mathematik

  • Prof. Dr.-Ing. Günther Görz
    Informatik (Künstliche Intelligenz)

  • Prof. Dr. phil. Bernd Naumann
    Germanische und Deutsche Sprachwissenschaft

  • Prof. Dr. phil. Volker Peckhaus
    Philosophie

  • Prof. Dr. phil. Christian Thiel
    Philosophie

  • Thomas A. H. Schöck
    Kanzler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

  • Prof. Dr. Claus Weyrich
    Mitglied des Vorstands der Siemens AG, Leiter der Zentralabteilung Technik

    Die Entscheidung über die Preisträger wird voraussichtlich ab Anfang Juni 2005 im Internet bekannt gegeben.


Koordination: OStR Günter Löffladt
e-mail: cfn@cauchy-forum-nuernberg.de


e-mail: altdorf.hauptamt@lau-net.de